Frauenforum im Kreis Unna e.V. Frauenforum im Kreis Unna e.V.

07.07.2011 Hellweger Anzeiger

Gut gemeint, schlecht gemacht
Bildungs- und Teilhabepaket ist auch im Kreis eine bürokratische Katastrophe

Von Nadja Schöler

KREIS UNNA • Dass Politiker es mit mancher Idee gut meinen. aber am Bürger vorbei denken. zeigt sich derzeit nirgendwo so gut wie beim Bildungs- und Teilhabepaket.

Kaum Nachfrage, zu wenig Interesse: Wenn die Mitarbeiterinnen des Frauenforums Unna hören, dass kaum einer der Bedürftigen die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket will, können sie nur mit dem Kopf schütteln. Sie betreuen etwa 20 Frauen. die Anspruch auf diese Leistungen haben. Und dass es da an etwas ganz anderem als Interesse scheitert, kriegen sie täglich zu spüren.

Haufenweise Formulare und komplizierte Formulierungen warten auf die Familien, die Leistungen aus dem Paket beantragen wollen. Wie das in der Praxis aussieht, weiß Sabine Adam-Johnen, Job-Coach beim Frauenforum: „Wenn jemand drei Kinder hat, die alle die gleiche Leistung - etwa Mittagsverpflegung - bekommen sollen, dann müssen die Eltern auch drei Anträge stellen.“ Dazu komme jeweils ein Antrag pro Leistung. Steht also bei einem der drei Kinder eine Klassenfahrt an, bei einem weiteren ein Tagesausflug und beim dritten Kind die Lernförderung, dann kommen noch einmal drei Anträge dazu. Jeder von diesen hat zwei Seiten.

„Die sind aber so kompliziert ausgedrückt, dass man sie kaum verstehen kann, geschweige denn jemand aus einer bildungsfernen Schicht", sagt Adam-Johnen. Von Desinteresse könne keine Rede sein, vielmehr sei es Frust über die Komplexität und das Nichtverstehen des Verfahrens, sind die Mitarbeiterinnen des Frauenforums überzeugt. Und sind die zahlreichen Anträge erst einmal ausgefüllt, wartet die nächste Hürde. Die Schulen müssen Stellungnahmen abgeben und damit bestätigen, dass ein Kind etwa Anspruch auf Lernförderung hat. Und genau darin liegt häufig ein Problem. Damit ein Kind diese Leistungen bekommt, muss von der Schule nachgewiesen werden, dass es versetzungsgefährdet ist. „Das Kind muss also drei Viertel des Schuljahres kämpfen. und erst wenn es zu spät ist. können die Fördermittel beantragt werden", sagt Birgit Uriger, Geschäftsführerin des Frauenforums.

Eine Mutter, die von der Sozialarbeiterin des Frauenforums, Nicole Höing, betreut wird, ist von der Schule ihres Kindes abgewiesen worden. Dort wollte man die Bescheinigung über die Versetzungsgefährdung nicht ausstellen. „Die Schulen bescheinigen natürlich nicht gerne, dass all ihre Bemühungen nicht geholfen haben. Außerdem werden auch das Kind und die Eltern stigmatisiert“, erklärt Unger. Eine andere Mutter suchte mit einem großen Stapel Formulare Hilfe beim Jobcenter Kreis Unna. Auch sie wurde abgewiesen.

Im Kreis gibt es rund 22 700 Kinder und Jugendliche, die berechtigt sind, Leistungen aus dem Paket zu erhalten. 6458 Anträge liegen derzeit vor. Auch im Kreis Unna war die Nachfrage anfangs kaum spürbar. Zwar hat der Kreis inzwischen alle Betroffenen angeschrieben und über ihren Anspruch informiert. „Aber auch dieser Brief hatte nichts Aufklärendes“, sagt Nicole Höing.
Kritik an den Jobcentern wollen die Frauenforum-Mitarbeiterinnen nicht üben. Sie hätten selbst Mühe, das Vorhaben vor Ort umzusetzen. Doch Birgit Unger weiß, wie man die Umsetzung vereinfachen könnte. Ein Anfang seien etwa die Formulare für die Lernförderung. Eine Ankreuzmöglichkeit sei hilfreich. Auch die Schulen könnten den Bedarf der Kinder einfach bescheinigen, ohne dass die Eltern zusätzlich mangelhafte Noten auf den Zeugnissen nachweisen müssen.

Birgit Unger wird in den nächsten Tagen einen Brief an Bundesfamilienministerin von der Leyen schreiben und ihr schildern, wie frustrierend die Beantragung der Leistungen aus ihrem Bildungspaket ist.  

Zum offenen Brief an Ursula von der Leyen »


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