Frauenforum im Kreis Unna e.V. Frauenforum im Kreis Unna e.V.

22.11.2012 Hellweger Anzeiger

Zeitungsfoto zu Gewalt Quelle Fotolia

Die Fallzahlen häuslicher Gewalt nehmen zu - weil sich häufiger betroffene Frauen trauen, zur Polizei zu gehen. Das Netzwerk der Hilfen soll bald noch engmaschiger werden.

Von Kevin Kohues

KREIS UNNA • Es ist die Horrorvorstellung jeder Frau. Die Beziehung läuft nicht mehr, der Mann hat dazu noch Probleme im Beruf da schlägt er zu. Fast immer ist Alkohol im Spiel. Die Fallzahlen häuslicher Gewalt im Kreis Unna nehmen seit Jahren kontinuierlich zu.

Nach 241 Fällen im Jahr 2010 und 267 im Jahr 2011 liegen der Kreispolizeibehörde bis zum 31. Oktober dieses Jahres 258 Fälle vor. Bis Jahresende dürfte die Zahl auf rund 300 steigen - ein neuer Höchststand. Der Kreis liegt damit im Landestrend, der eine Steigerungsrate von zehn Prozent pro Jahr aufweist.

Der Rekord bei den Fallzahlen ist aber keineswegs gleichbedeutend mit einer tatsächlichen Zunahme der häuslichen Gewalt, wie Vertreter des Runden Tisches gegen Häusliche Gewalt sowie der Kreispolizeibehörde gestern deutlich machten. Offenbar gelingt es, ein hochsensibles gesellschaftliches Problem Stück für Stück zu enttabuisieren.

"Die Frauen werden mutiger."

Sengül Ersan, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Unna

Dunkelziffer schrumpft "Die Frauen werden mutiger und trauen sich häufiger, die Polizei zu rufen", sagt Sengül Ersan von der Gleichstellungsstelle des Kreises. Die Dunkelziffer schrumpft, auch wenn die Experten sie nach wie vor für sehr hoch halten. Anlässlich des Internationalen Tages "Nein zu Gewalt an Frauen" am kommenden Sonntag möchten Ersan und ihre Kolleginnen Josefa Redzepi von der Stadt Unna sowie Karin Gottwald von der Frauen- und Mädchenberatungsstelle des Frauenforums das brisante Thema deshalb aus dem Verborgenen ins Licht der Öffentlichkeit holen.

Aktionstag

  • Pünktlich zum Internationalen Gedenktag am Sonntag, 25. November, zeigt der Kreis buchstäblich Flagge gegen Gewalt an Frauen. Entsprechende Fahnen werden morgen etwa vor dem Kreishaus, dem Haus der Kirche und dem Rathaus in Unna gehisst.
  • Frauen, die sich über Hilfen bei häuslicher Gewalt informieren möchten, können sich an Sengül Ersan in der Gleichstellungsstelle des Kreises wenden (Tel. 02303/ 27-1717). Infoflyer liegen zudem in den Rathäusern und Beratungsstellen im Kreis aus.

Seit Gründung des Runden Tisches im Jahr 1999 haben sie gemeinsam mit der Polizei und den Jugendämtern ein Interventionskonzept erarbeitet, das im konkreten Fall wie folgt greift: Sobald sich ein Opfer bei der Polizei meldet, nehmen die Beamten - sofern vom Opfer gewünscht - neben der Fertigung einer Anzeige und einer Erstberatung Kontakt zu einer Hilfeeinrichtung auf, etwa dem Frauenforum in Unna. Lebt ein Kind mit im Haushalt, gilt das Kindeswohl als gefährdet und die Polizei schaltet auch das zuständige Jugendamt ein.

Meist Körperverletzung Während die Opfer Hilfe bekommen, verweist die Polizei den Täter in der Regel für zehn Tage aus der Wohnung. In besonderen Fällen kann sie ihm auch verbie-ten, sich der Wohnung oder dem Haus bis auf eine gewisse Distanz zu nähern.

In 80 Prozent der Fälle häuslicher Gewalt handelt es sich um Körperverletzung "einfach" mit Händen und Füßen oder "gefährlich" mit Gegenständen wie Messern. Und nicht immer ist es der Ehemann oder Lebensgefährte, der gewalttätig wird, sondern manchmal auch der Sohn gegenüber der Mutter oder sogar das Enkelkind gegenüber der Oma.

Auch den umgekehrten Fall, also Gewalt von Frauen gegen Mariner, gibt es laut Klaus Stindt von der Kreispolizei - wenn auch deutlich seltener. "Sieben, acht Fälle" seien ihm bekannt, "wobei diese Männer keine Hilfe wollen, weil sie sich schämen". Häufig liege in diesen Fällen eine Suchterkrankung der gewalttätigen Frau vor.

Neben der Körperverletzung sind Beleidigung, Bedrohung und Sexualdelikte weitere Auswüchse häuslicher Gewalt. "Das muss sich nicht zwingend zu Hause abspielen, sondern kann auch beim zufälligen Treffen in der Fußgängerzone oder im Supermarkt passieren, etwa mit Beleidigungen wie .Du alte Schlampe:", so Stindt weiter.

195 Deutsche

Fallzahlen Gewalt gegen Frauen Kreis Unna

Dem Vorurteil, dass häusliche Gewalt hauptsächlich von Männern aus dem muslimischen Kulturkreis ausgehe, tritt er entgegen. Unter 258 Fällen seien 195 Deutsche' übrigens aus allen sozialen Schichten, dazu 20 Türken, der Rest verteilt sich auf 18 weitere Nationen.

Um das Hilfsnetz gegen häusliche Gewalt weiter zu verbessern, informierte sich der Runde Tisch gestern über das sogenannte "Gladbecker Interventionsprojekt", Dieses beinhaltet neben der Hilfe für Kinder durch das Jugendamt und für Frauen durch die Frauenberatungsstelle auch ein Lernprogramm für die Täter. Die kommen nicht freiwillig, sondern werden von der Staatsanwaltschaft zur Teilnahme verpflichtet. Nach einführenden Einzelgesprächen müssen sie 24 Mal am Programm teilnehmen und sollen dabei lernen, Konflikte innerhalb der Familie gewaltfrei zu lösen.

Der Runde Tisch will nun prüfen, ob ein solches Programm auch im Kreis Unna realisiert werden kann. Zudem soll die Vernetzung zwischen Polizei, Gleichstellungsstellen, Frauenberatungen und Jugendämtern weiter ausgebaut werden.


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