Frauenforum im Kreis Unna e.V. Frauenforum im Kreis Unna e.V.

13.06.2014 Hellweger Anzeiger

Frauenhaus wagt neuen Weg aus Gewaltspirale

Männer und Kinder rücken nach niederländischem Vorbild in den Fokus

Gewalt gegen Frauen
Gewalt in der Partnerschaft ist nach wie vor ein großes Problem. Im vergangenen Jahr suchten 77 Frauen Zuflucht im Frauenhaus – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Mit einem neuen Ansatz wollen die Sozialarbeiter jetzt das Spektrum der Möglichkeiten, einen Ausweg aus der Gewaltspirale zu finden, deutlich erweitern. • Foto: Archiv

Von Stephanie Tomé

UNNA • Frauen flüchten vor der Gewalt ihres Mannes ins Frauenhaus, kehren zurück nach Hause und werden wieder geschlagen: Um einen Weg aus dieser Gewaltspirale zu finden, wagt das Frauenforum im Kreis Unna als eine der ersten Einrichtungen bundesweit einen Richtungswechsel. Nicht mehr nur die Frau selbst, sondern auch ihr Umfeld rücken in den Fokus.

„Wenn die betroffene Frau zustimmt, soll im Idealfall gemeinsam mit dem Gewalt ausübenden Partner ein individueller Weg aus der Gewalt gefunden werden“, erklärt Ellen Aschenbach den neuen Ansatz. Für das Projekt „Richtungswechsel – sichtbar, sicher, selbstbestimmt“ wurde die Sozialarbeiterin eigens als neue Mitarbeiterin eingestellt. Dank Unterstützung der Stiftung Deutsches Hilfswerk kann die Idee zunächst einmal für drei Jahre in die Erprobungsphase gehen. Bereits seit März erarbeitet das Frauenforum ein Konzept, das nach und nach von der Theorie in die Praxis umgesetzt werden soll. Wie genau sich der neue Ansatz im Detail gestaltet, muss die Erfahrung zeigen.

Vorbild für das Frauenforum sind die Niederlande. Dort hat sich der sogenannte systemische Ansatz bereits bewährt. Das „Oranje Huis“ in Alkmaar gilt als Vorbildmodell, das jetzt auf die Gegebenheiten im Kreis Unna angepasst werden soll. Eine wissenschaftliche Untersuchung soll den Prozess begleiten, auswerten und das Konzept auch auf andere Kommunen übertragbar machen.

Gewalt als Familienproblem

Weil Gewalt meist im Familienalltag seine Wurzeln hat, setzt der systemische Ansatz eben nicht nur auf die Hilfe für die Frau, sondern schließt auch Kinder und Väter mit ein. Grundvoraussetzung dafür ist, dass die Mutter einverstanden ist. In den Niederlanden zeigen die Erfahrungen, dass die meisten Frauen zustimmen. In gemeinsamen Gesprächen werden die Männer erst an ihre Verantwortung als Väter erinnert und im zweiten Schritt die Probleme in der Partnerschaft angesprochen. „Wir orientieren uns dabei auch weiterhin an den Bedürfnissen der Frau“, erklärt Martina Ricks-Osei als Leiterin des Frauenhauses. Das Frauenhaus bleibe auch weiterhin eine Einrichtung, die sich parteiisch für ihre Bewohnerinnen einsetzt.

Frauenforum im Kreis Unna mit Birgit Unger und Martina Ricks-Osei
Auf Geschäftsführerin Birgit Unger, Frauenhausleiterin Martina Ricks-Osei und die anderen Mitarbeiter des Frauenforums kommt in den nächsten drei Jahren viel Arbeit zu, von der sie sich aber bessere Hilfe für ihre Bewohnerinnen versprechen. • Foto: Archiv

Derzeit arbeiten die Mitarbeiterinnen daran, Netzwerke zu knüpfen und bereits vorhandene Beratungspotenziale ausfindig zu machen, um so später ganz gezielt an andere Institutionen weitervermitteln zu können.

Männer im Frauenhaus in Alkmaar

In Alkmaar geht das Frauenhaus so weit, die Männer als Gäste zu empfangen. Dafür sind spezielle Sicherheits-maßnahmen nötig. Ob und wie sich so etwas in Unna umsetzen lässt, dazu wird auch die Polizei in die Beratungen mit einbezogen werden müssen.

Auch wenn das Projekt noch in den Kinderschuhen steckt, sind sich die Projektleiter sicher, dass es eine Bereicherung für das Frauenhaus ist. „Der neue Ansatz eröffnet uns und den Frauen neue Möglichkeiten, die vorher nicht denkbar waren“, so Ellen Aschenbach.

Gewalt ist nicht gleich Gewalt

77 Frauen suchten im vergangenen Jahr aus ganz unterschiedlichen Gründen Zuflucht

Spenden

  • Das Projekt „Richtungswechsel – sichtbar, sicher, selbstbestimmt“ wird zum großen Teil über die Stiftung Deutsches Hilfswerk aus Mitteln der Deutschen Fernsehlotterie finanziert.
  • Einen Anteil von etwa 31 000 Euro muss der Verein selbst aufbringen und ist auf Spenden angewiesen:
  • Frauenforum im Kreis Unna e.V.
    Sparkasse UnnaKamen
    IBAN: DE21 4435 0060 0000 0397 92
    BIC: WELADED1UNN

Seit 1988 finden Frauen und ihre Kinder nach erlebter häuslicher Gewalt Zuflucht im Frauenhaus. Dabei sind die Formen der Gewalt sehr unterschiedlich. Manche Frauen erleben körperliche Gewalt. Sie werden geschlagen, getreten und misshandelt. Andere wiederum leiden unter sexueller Gewalt oder werden psychisch misshandelt. Sie werden vergewaltigt, kontrolliert, beschimpft, für verrückt erklärt oder bedroht.

Aber auch der Entzug oder das Einteilen von Geld, das Verbot zu arbeiten bis hin zur sozialen Isolation sind Formen von Gewalt.

Sucht eine Frau Schutz im Frauenhaus kann sie Tag und Nacht dort anrufen. Manchmal bringt die Polizei die Frauen direkt ins Frauenhaus. In anderen Fällen wird ein Treffpunkt vereinbart, an dem die Frau abgeholt wird. Aus Sicherheitsgründen wird die Anschrift des Hauses nicht bekannt gegeben.

Im vergangenen Jahr suchten 77 Frauen Zuflucht im Frauenhaus. 60 Prozent von ihnen verlassen die Einrichtung nach drei Wochen, etwa ein Drittel bleibt bis zu drei Monaten.


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