Frauenforum im Kreis Unna e.V. Frauenforum im Kreis Unna e.V.

03.07.2015 Hellweger Anzeiger

Nach der Gewalt folgt die Perspektivlosigkeit

Frauenforum betreut viele junge Frauen ohne Berufsausbildung

Statistik 2014

Von Kevin Kohues

Kreis Unna. Seit fünf Jahren arbeiten die Einrichtungen des Frauenforums im Kreis Unna unter einem Dach. Das Hilfenetz fängt viele Opfer von Gewalt auf. Ein Grundproblem hat sich jedoch nicht geändert. Es ist die Perspektivlosigkeit, resultierend aus einem Mangel an Bildung, die es den betroffenen Frauen und auch den Mitarbeiterinnen des Frauenforums so schwer macht, eine Zukunft ohne fremde Hilfe zu erreichen. „Es kommen viele junge Frauen zu uns, die keine Berufsausbildung haben, teilweise nicht einmal einen Schulabschluss“, sagt Christina Schulz, die Leiterin des Frauenhauses. Ein Ergebnis fehlender Unterstützung der Eltern, die häufig langzeitarbeitlos seien. „Die Kinder kennen oft nur, dass das Geld vom Amt kommt, sie haben nie kennengelernt, dass ihre Eltern zur Arbeit aus dem Haus gehen“, ergänzt Birgit Unger, die Geschäftsführerin des Frauenforums. Wer aus einem solch schwierigen Umfeld kommt und an einen Mann gerät, dessen anfängliche Zuneigung früher oder später in Gewalt umschlägt, der braucht viel Unterstützung von außen – und findet sie in den Einrichtungen des Frauenforums. Der Jahresbericht für 2013 und 2014 dokumentiert einen Bedarf auf konstant hohem Niveau.

Viele Frauen müssen weitervermittelt werden

Insgesamt 440 Frauen im Jahr 2013 und 468 Frauen im Jahr 2014 haben Schutz, Beratung und Begleitung im Frauenhaus, der Frauen- und Mädchenberatungsstelle oder der Frauenübernachtungsstelle gefunden. Nicht selten bringen die Frauen, die auf der Flucht vor akuter häuslicher Gewalt an die Tür des Frauenhauses klopfen, Kinder mit; im Jahr 2014 waren es 67 Frauen und 58 Kinder. Die zehn Schlafräume mit insgesamt 20 Betten waren zeitweise voll belegt, immer wieder mussten Frauen deshalb an andere Häuser außerhalb des Kreises, etwa in Dortmund oder Iserlohn, weitervermittelt werden. Umgekehrt finden viele Frauen, die nicht im Kreis Unna wohnen, Schutz im hiesigen Frauenhaus. Das zuständige Landesministerium sagt, es gebe genug Plätze, die Frauen müssten je nach Auslastung eben im Land verteilt werden. „Statistisch gesehehen“, sagt Birgit Unger, „reichen die Plätze tatsächlich.“ Aber für die Frauen, die aufgrund fehlender Plätze nicht vor Ort aufgenommen werden können, bringt das System eben oft weite Wege in völlig fremde Städte mit sich.

In jedem fünften Fall sind Angehörige die Täter

In über 70 Prozent der Aufnahmen übte der Ehemann oder Lebensgefährte Gewalt aus, in jedem fünften Fall waren Angehörige wie Eltern oder Geschwister die Täter. Jede dritte Frau ist unter 25 Jahre alt – und erfüllt das eingangs beschriebene Problemfeld. Nicht selten folgt deshalb im Anschluss an den Aufenthalt im Frauenhaus eine weitere Betreuung über die Beratungsstelle.

Team Frauenforum im Kreis Unna zieht Bilanz
Trotz ihrer schwierigen Aufgabe hochmotiviert (v.l.): Christina Schulz (Leiterin Frauenhaus), Birgit Unger (Geschäftsführerin Frauenforum) und Anja Wolsza Leiterin Wohnhilfen). Foto: Grzelak

Frauen in der Übernachtungsstelle sind häufig verschuldet und krank

Zum Netzwerk des Frauenforums gehört auch der Fachbereich Wohnhilfen, der die Frauenübernachtungsstelle, die teilstationäre Einrichtung Frauenräume und das Ambulant Betreute Wohnen umfasst.

In der Übernachtungsstelle war die Hälfte der Frauen zwischen 18 und 27 Jahren alt. Ebenfalls die Hälfte schlug sich ohne eigenes Einkommen durch, fast jede fünfte Frau hatte Erfahrungen mit Gewalt gemacht. Die sieben Plätze in der Übernachtungsstelle waren im Jahr 2013 an fast jedem Tag voll belegt, im Jahr 2014 zu 75 Prozent. Die Aufenthaltsdauern verlängerten sich auf drei bis sechs Monate, manches Mal sogar noch länger. Zu Beginn dieses Jahres hat Anja Wolsza die Leitung des Fachbereichs übernommen. Martina Ricks-Osei, seit 1988 Leiterin des Frauenhauses und kürzlich in dieser Funktion von Christina Schulz abgelöst, kümmert sich nun um die Frauenübernachtungsstelle.

Das große Problem dort ist das Suchen und Finden von Wohnungen in angemessener Preislage für die Betroffenen. „Immer mehr Frauen sind verschuldet, haben Schufa-Einträge, halten psychisch die Situation kaum aus, sind oder werden körperlich oder psychisch krank“, sagt Anja Wolsza.

„Der soziale Wohnungsbau muss wieder angekurbelt werden“, sagt Birgit Unger als Geschäftsführerin des Frauenforums; wohlwissend, dass die Frauen bei Vermietern am freien Markt kaum eine Chance haben. Für das Ambulant Betreute Wohnen und die teilstationäre Begleitung ist eine eigene Wohnung mit unterzeichnetem Mietvertrag aber die zwingende Voraussetzung.

Immerhin sei es in den vergangenen beiden Jahren gelungen, mit insgesamt 22 ambulanten und 27 teilstationären Begleitungen Mietverhältnisse und damit Lebensperspektiven zu sichern.


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