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Kreis Unna, 3. Februar 2016 Hellweger Anzeiger

Durch das Netz zum Hilfenetzwerk

Online beratung Frauenforum Unna

Schnell, anonym, einfach. Das sind die Schlagworte, nach denen die Frauen- und Mädchenberatung helfen möchte. Um hier die Hemmschwelle für Hilfesuchende so weit wie möglich zu senken, funktioniert die erste Kontaktaufnahme auch über das Internet. Im Chat oder per Mail entsteht so der Kontakt zu Expertinnen die alles daran setzen, eine Lösung zu finden.


Von Christoph Schmidt
Kreis Unna. Es ist ganz still. Das Flüstern des PC-Lüfters ist das einzige Geräusch, das in Melanie Windmüllers (l.) Büro zu hören ist. Die junge Frau sitzt in der Frauen- und Mädchenberatungsstelle und wartet auf ihre Gesprächspartnerin. Sara hat sich angekündigt, für 12.30 Uhr, sie möchte darüber sprechen, wie es ihr zu Hause geht. Nicht so gut – so viel hat sich in den E-Mails schon gezeigt, die sich Melanie und Sara bereits geschrieben haben.

Vor zwei Wochen war die erste Nachricht der Schülerin in der Online Beratung eingegangen. „Ich weiß gar nicht, ob ich hier richtig bin, aber ich weiß nicht mehr weiter“, hat Sara ihre erste E-Mail eingeleitet. Noch richtiger, als bei Melanie Windmüller, kann Sara kaum sein.

Melanie Windmüller vom Frauenforum im Kreis Unna
Melanie Windmüller: Online Beratung im Kreis Unna

Gemeinsam mit Karin Gottwald leitet die Pädagogin die Online-Abteilung der Frauen- und Mädchenberatungsstelle für den Kreis Unna. Dass sich Frauen und Mädchen aus eigenem Antrieb an die Beratungsstelle wenden, sei schon ein gewaltiger Schritt, so Windmüller. Die Erfahrung zeige, dass „es häufig schon eine lange Vorgeschichte mit hohem Leidensdruck geben muss, bis Betroffene überhaupt aktiv werden“. Die Gründe, warum jemand Hilfe sucht, sind dabei vielfältig: Seelische oder körperliche und sexualisierte Gewalt, häusliche Gewalt, Stalking, Trennung/ Scheidung, Krisensituationen oder Essstörung können Auslöser für ein Hilfegesuch sein. Zunächst geht es für die Beraterin daher darum, herauszufinden, wo das Problem liegt.

Auch bei Sara hat es eine Vorgeschichte gegeben. In den ersten Mails hat die 15-Jährige davon erzählt, dass es bei ihr zu Hause Probleme gibt. Es stellte sich heraus, dass hier der Vater sehr streng ist und sehr stark kontrolliert, was Sara unternimmt – und mit wem. Jetzt stand die Anmeldung für eine Klassenfahrt an und dann hieß es, Sara dürfe nicht mit. „Als sich in den Mails mehr und mehr abzeichnete, dass hier Probleme innerhalb der Familie eine entscheidende Rolle spielen, habe ich Sara dann ein Beratungsgespräch angeboten“, sagt Windmüller. Sara willigte ein, hat aber einen Chat-Termin einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht vorgezogen.

Die Uhr zeigt 12.30 Uhr. Jetzt wird der Chat aktiviert und Sara könnte sich einloggen.„sara2000 kommt herein“, erscheint gelb hinterlegt in dem grauen Textfenster auf dem Bildschirm.

sara2000: hallo?
Melanie_Windmueller: Hallosara2000! Schön, dass es mit dem Chattermin geklappt hat!
sara2000: Ja
Melanie_Windmueller: In deiner letzten E-Mail hattest du ja geschrieben, dass dein Vater nicht will, dass du mit auf Klassenfahrt fährst. Danach hat es ja heftigen Streit bei euch gegeben.
sara2000:ja, das war ziemlich heftig.
Melanie_Windmueller: Hat sich das denn wieder etwas beruhigt?
sara2000:weiß nicht, ich soll jetzt halt immer sofort von der Schule nach Hause und darf jetzt gar nicht mehr weg.

Das Gespräch kommt in Gang, wenn auch etwas schleppend. „Eine Chatberatung ist immer schwieriger als ein direktes Gespräch“, so Windmüller. Zum einen vergehe jedes Mal etwas Zeit, bis die Fragen und Antworten eingetippt sind, und wenn man seine Gesprächspartnerin direkt vor sich hat, könne man aus der Gestik oder wie jemand etwas sagt noch besser zwischen den Zeilen lesen. Das ist in diesem Fall aber überhaupt nicht nötig.

Sara wird relativ deutlich, erzählt, dass sie Angst hat. Angst davor, ihren Vater überhaupt noch etwas zu fragen. Sie traut sich fast nicht mehr aus ihrem Zimmer und sie ist sauer auf ihre Mutter, die gar nichts unternimmt, sich auf die Seite des Vaters stellt. Am schlimmsten aber trifft sie, dass sich jetzt auch ihr Bruder wie der Vater aufspielt. Sie erzählt, wie sie sich vor ein paar Tagen nach der Schule noch mit einer Freundin unterhält, wie ihr Bruder dazukommt, sie wegzieht und dabei so feste am Arm packt, dass sie blaue Flecken bekommt. Genauso, wie wenn ihr Vater wütend wird. Ihrer Mutter erzählt sie davon nichts, im Sportunterricht erfindet sie eine Entschuldigung, will nicht, dass jemand die Blutergüsse sieht.

Jetzt muss Melanie Windmüller einhaken, die Stunde, die für den Chat vorgesehen ist, neigt sich dem Ende, nach 60 Minuten schließt sich das Fenster automatisch. Für die Beraterin ist klar, hier wäre es wichtig, mit Sara in Kontakt zu bleiben. Ein persönliches Gespräch könnte es erleichtern, ihr hier die entsprechende Hilfe zukommen zu lassen. In Saras Fall würde es sich anbieten, zusätzliche Hilfe beim Jugendamt einzuholen. Die beiden einigen sich zunächst darauf, eine Lehrerin an Saras Schule mit ins Vertrauen zu ziehen. Sie hatte ohnehin schon mitbekommen, dass es in Sachen Klassenfahrt bei Sara zu Hause Probleme gegeben hat. Mithilfe der Lehrerin vereinbart Sara ein persönliches Beratungsgespräch, zu dem auch beide gemeinsam kommen.

Sara hatte sich gewünscht, dass die Lehrerin sie begleitet. „Das ist nichts Ungewöhnliches, dass Hilfesuchende in Begleitung kommen“, so die Beraterin. Wer mit zu einem Gesprächstermin kommt, ist dabei immer unterschiedlich. „Das kann die Mutter sein, eine Freundin, auch die Mutter einer Freundin oder auch der Bruder oder Cousin. Da machen wir keine Vorgaben.“

Im gemeinsamen Gespräch bekommt Melanie Windmüller noch tiefere Einblicke in das Familienleben. Bestehen die Probleme schon länger oder hat sich in letzter Zeit etwas verändert, hat der Vater vielleicht den Job verloren oder hat es einen Trauerfall oder schweren Schlag für die Familie gegeben.

Nun geht es darum, zu überlegen, wie es für Sara weitergehen kann. Der Gang zum Jugendamt ist in solchen Fällen häufig eine Option. „Dabei muss klar werden, dass es nicht darum geht, hier irgendwelche Maßnahmen zu erzwingen, sondern an der Stelle das Hilfenetzwerk auszuweiten“, erklärt Windmüller. Das bedeutet, dass für die Hilfesuchende hier so viele Ansprechpartner wie möglich geschaffen werden, damit klar wird: „Du bist nicht allein, es gibt Menschen, die dir helfen wollen.“

Info

Der Fall Sara wurde gemeinsam mit den pädagogischen Expertinnen der Frauen-und Mädchenberatungsstelle konstruiert. Die Zusammenhänge im Artikel sind auf Basis jahrelanger Beratungserfahrung entstanden. Ähnlichkeiten mit existierenden Personen sind rein zufällig.

Beratungen per Chat und Mail sind alltäglich

Die Online-Beratung ergänzt die Palette der Hilfsangebote Kreis Unna. Mit der Online-Beratung hat die Frauen- und Mädchenberatungsstelle vor drei Jahren einen modernen Weg eingeschlagen. Der Zugang über das Internet soll hier die Hemmschwelle für Hilfesuchende senken und die Kontaktaufnahme erleichtern.


„Wenn sich Frauen oder Mädchen an uns wenden – da ist jetzt egal auf welchem Weg – ist das eigentlich schon die halbe Miete“, sagt Melanie Windmüller. Die größte Herausforderung sei es, überhaupt an die Betroffenen heranzukommen.
„Wir versuchen den Erstkontakt über Infomaterialien herzustellen, die wir zum Beispiel in Schulen auslegen“, erklärt die Pädagogin weiter. „Die Broschüren und Postkarten richten sich aber ausdrücklich nicht nur an Mädchen“, betont die Pädagogin.

Dass jemand tatsächlich, etwa durch eine Google-Suche auf die Beratungsstelle für den Kreis Unna stößt, kommt zwar vor, doch „das setzt bereits voraus, dass Betroffene gezielt nach Hilfe suchen“, sagt auch Karin Gottwald. „Daher haben wir uns dazu entschieden, mit unserer Postkarten-Kampagne verstärkt darauf hinzuweisen, dass es bei uns Hilfe auch online gibt.“ Die Sozialarbeiterin hofft, dadurch die Hemmschwelle für betroffene Frauen und Mädchen noch einmal senken zu können.

Das war auch der tragende Gedanke, als das Online-Beratungskonzept vor drei Jahren entwickelt worden ist. Die Menschen bewegen sich mehr und mehr im Internet, das gilt nicht nur für die junge Generation. Wenn es nun hier einen schnellen, anonymen und einfachen Weg gibt, Hilfe zu finden, ist das genau am Puls der Zeit. Die Kommunikation über Mails und Chats hat sich in den Alltag der Menschen integriert und ergänzt in vielen Fällen schon den Griff zum Telefon oder das persönliche Treffen. „Warum sollte das bei der Beratung anders sein?“, diese Frage lässt sich einfach beantworten:  „Sollte es nicht.“ Mail und Chat erlauben hier eine persönliche und unmittelbare, aber völlig anonyme Kontaktaufnahme. „Unsere Webseite verfügt über eine Verschlüsselung, sodass hier die Daten, die in den Beratungschats ausgetauscht werden, absolut sicher sind“, erklärt Windmüller.
Bei der Anmeldung auf der Homepage des Frauenforums, muss sich die Hilfesuchende auch nicht mit ihrem richtigen Namen einloggen, muss sich lediglich einen Benutzernamen und ein Passwort ausdenken.

„Seit wir die Online-Beratung anbieten, haben wir im Schnitt zwei Kontakte in der Woche über das Internet“, sagt Windmüller. „Das Tolle ist, dass über Mails und Chat häufig auch ein persönliches Beratungsgespräch zustande kommt.“ Das Konzept, über den Internetkontakt die Zugangsschwelle zu den zentralen Beratungstätigkeiten zu senken, scheint aufzugehen. Daher soll das Online-Projekt schließlich auch auf lange Sicht weitergeführt werden. Es wird zwar nicht mehr, wie in den vergangenen drei Jahren, eine eigene 20-Stunden-Stelle dafür geben, sondern „nach der erfolgreichen Einführungsphase haben wir die Online-Komponente in unseren Beratungsalltag integriert“, so Windmüller.

 

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