Frauenforum im Kreis Unna e.V. Frauenforum im Kreis Unna e.V.

29.10.2016 Hellweger Anzeiger

Gewalt ein Thema zwischen Suppe und Kartoffeln

Erzieherinnen im Frauenhaus in Unna
Britta Kollmann-Rost und Gesa Middendorf (von links) sind Erzieherinnen im Frauenhaus, absolvieren derzeit eine Fortbildung zu traumapädagogischen Fachbegleiterinnen. Mit im Bild: Bruno der Bär, ein wichtiger Helfer in der Arbeit. Foto: Heine

Im Frauenhaus müssen Erzieherinnen besonders aufmerksam und sensibel sein

Von Alexander Heine

Kreis Unna. Britta Kollmann-Rost und Gesa Middendorf sind Erzieherinnen. An sich ein gewöhnlicher Beruf. Doch ihr Arbeitgeber ist das Frauenforum, ihr Arbeitsplatz das Frauenhaus. Das macht ihre Aufgabe dann doch zu einer ganz besonderen.

Wo Kinder sind, ist es bunt und lebendig. Das gilt auch im Frauenhaus. Die Sprösslinge hier wissen jedoch um die düstere Seite des Lebens. Sie sind hier, weil ihre Mütter Schutz und Zuflucht suchen. Weil sie als Kinder bereits erlebt haben, was eigentlich niemand jemals erleben sollte. Als Zeugen, mitunter sogar Opfer häuslicher Gewalt. Eine große Herausforderung für Britta Kollmann-Rost und Gesa Middendorf, zumal jedes Kind seine Erlebnisse anders verarbeitet. Manche ziehen sich zurück, schotten sich völlig ab. Andere adaptieren Gewalt als Konfliktlösung, fallen durch hohes Aggressionspotenzial auf. Zwei Extreme, dazwischen ist alles möglich. Doch nahezu immer besteht die Gefahr, dass Kinder den Einzug in das Frauenhaus nicht als Schutz erleben. Sondern sich herausgerissen fühlen aus ihrem Umfeld mit Familie, Freunden und Nachbarn, mit Kindergarten oder Schule. Von jetzt auf gleich, mitunter ohne das Notwendigste einpacken zu können.

In Zahlen

  • Im laufenden Jahr haben bis Ende September 33 Frauen im Frauenhaus Schutz vor häuslicher Gewalt gesucht.
  • Mit ihnen kamen insgesamt 25 Kinder in die Einrichtung.
  • Die meisten der Frauen – und damit auch die Kinder – bleiben drei Monate.

„Oft glauben Kinder, den Streit der Eltern verursacht zu haben, suchen Fehler bei sich und versuchen sie zu vermeiden .“ Britta Kollmann-Rost

Den beiden Erzieherinnen fordert das ein hohes Maß an Sensibilität und Einfühlungsvermögen ab. Zumal Kinder in aller Regel einen ganz anderen Blick auf die Situation haben als die Mütter. „Oft glauben Kinder, den Streit der Eltern verursacht zu haben, suchen Fehler bei sich und versuchen sie zu vermeiden oder sich bei Angriffen gegen die Mutter und zu deren Schutz einzumischen“, weiß Britta Kollmann-Rost. „Erfahren Kinder, dass sie selbst nichts an der Situation ändern können, entwickeln sie Verhaltensauffälligkeiten“, ergänzt Gesa Middendorf. „In unserer Arbeit erfahren sie sich als eigene Zielgruppe mit eigenen Bedürfnissen.“

offener Spielbereich Frauenhaus Unna
Den offenen Spielbereich – hier überdimensionale Bauklötze – können die Kinder jederzeit auch ohne Begleitung „erobern“. Foto: Frauenforum

Das Frauenhaus bietet dafür einen Rahmen, der weit über die Möglichkeiten des Budgets aus der öffentlichen Hand hinausgeht. Zusätzlich zu dem Spielplatz im Garten gibt es verschiedene, altersgerechte Spielbereiche, darüber hinaus auch einen Bewegungs- sowie einen Kreativraum. Überwiegend finanziert aus Spenden. Auch methodisch arbeiten die beiden Erzieherinnen alles andere als üblich.

Mit kreativen Konzepten gehen sie individuell auf die Persönlichkeit des Kindes ein – müssen allerdings die Gefühle und Probleme ihrer Schützlinge auch erst einmal herausfiltern. Etwa in Bezug auf ihren Vater, der für sie eine ganz normale Bezugsperson bleibt. „Kinder erzählen vom Papa und sprechen über ihre Gewalterlebnisse“, erläutert Britta Kollmann-Rost. „Das geschieht aber nicht in einem ‚Setting‘, das wir uns ausdenken, sondern irgendwann zwischen Suppe und Kartoffeln – und wird genauso schnell wieder abgehakt.“ Wichtiger Helfer der beiden Erzieherinnen ist „Bruno“. Ein Kuschelbär, der Kinder begleiten und ihre Erfahrungen miterleben soll. Er geht mit durch Freude und Wut, lacht und weint. Und er hilft, neue Pläne zu schmieden.

Ein ebenso wichtiges pädagogisches Instrument ist auch der Notfallkoffer mit Kuscheltieren, Erinnerungen, Glücksbringern und Vorbildern. In schlechten Zeiten den Koffer öffnen und Kraft tanken – das ist die Intention dahinter. Und über allem steht das Ziel, dass Kinder wie Mütter sich nicht mehr als Opfer von Situationen und auf der Flucht vor Gewalt, sondern sich als eigenverantwortliche, aktiv und selbst handelnde Personen verstehen.

Bald Besuche möglich

ein ganz normales  Kinderzimmer im Frauenhaus Unna
Einblick in ein augenscheinlich ganz normales Kinderzimmer: Hier können die Sprösslinge im Frauenhaus gemeinsam mit den Erzieherinnen unbeschwerte Stunden verbringen. Foto: Frauenforum

Das Frauenforum richtet in seinem Frauenhaus derzeit ein Besuchszimmer ein – und verabschiedet sich damit von einem drei Jahrzehnte währenden Grundsatz. Denn aus Sicherheitsgründen war der Sitz des Frauenhauses bislang geheim – wenn auch im Zeitalter des Internets zu einer Art offenem Geheimnis geworden. In Kürze also sind unter abgesprochenen Bedingungen Besuche möglich. „Unsere Kinder sollen hier wie zu Hause Freundschaften leben können, die Mütter an Kontakte wieder anknüpfen und auch neue pflegen können“, sagt Britta Kollmann-Rost.


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