Frauenforum im Kreis Unna e.V. Frauenforum im Kreis Unna e.V.

02.11.2016 Stadtspiegel Unna

Kinder im Frauenhaus

„Raus aus der Opferrolle und den Blick in die Zukunft richten!“

Kinder im Frauenhaus
Leitende Sozialarbeiterin Christina Schulz (l.), Erzieherinnen Britta Kollmann-Rost (M.) und Gesa Middendorf wollen Kinder mit Bärchen „Bruno“ trösten und Mut machen. Stadtspiegel-Fotos (2): Reimet

Müttergespräche, Besuchszimmer für Kinder und Bärchen Bruno als Mutmacher - das Team des Frauenhauses im Kreis Unna bietet mit neuen pädagogischen Instrumenten den von Gewalt betroffenen Müttern mit Kindern Hilfe an.

VON STEFAN REIMET

UNNA. Mehr als 40 Frauen mit Kindern bot das Frauenhaus im vergangenen Jahr Schutz und Unterkunft. Dass fast die Hälfte wieder in die häusliche Umgebung zurückkehrten, aus der sie teils mit polizeilicher Hilfe flüchteten, gab dem Team um Geschäftsführerin Birgit Unger jetzt auch Anlass, künftig mit aktuellen systemischen und erzieherisch-pädagogischen Methoden das Selbstbewusstsein der Frauen und Kinder zu stärken.

„Die Kinder stellen wir mehr in den Mittelpunkt“, erklärt Christina Schulz, Leitung Sozialarbeit im Frauenhaus. Die seelischen Verletzungen sind meist das größte Problem. Erzieherin Britta Kollmann-Rost hat dazu ein neues Konzept entwickelt, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Kinder.

Vertrauen aufbauen, Verlustängste mindern

Mit überdimensionalen Bausteinen erklärte sie im Frauenforum in Unna die Stufen. Da man nie die Aufenthaltsdauer kenne, sei Flexibilität verlangt. „Die Kinder sollen die Zeit hier nutzen.“ Mehr berücksichtigt wird künftig, dass die Kinder aus gewohnter Umgebung herausgerissen werden, oft nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Bezugspersonen fallen teils weg, viele sind traumatisiert durch Streitigkeiten, Gewalt, Angst und Schlafmangel.

Kinder im Frauehaus 2
Britta Kollmann-Rost zeigt Bilder, die Kinder während der Zeit im Frauenhaus gemalt haben.

Zudem fehlt es an sozialer Sicherheit und die Mutter wird meist nicht aus den Augen gelassen. Hier nimmt das Frauenhaus künftig das bisherige soziale Umfeld mehr in Augenschein. „Die Umstellung ist zunächst groß“, erklärt Britta Kollmann-Rost. Es gelte erst Vertrauen aufzubauen, da Verlustängste sehr groß sind.

Ein offener Spielbereich, ein Bewegungs- und ein Hobbyraum und ein Spielplatz im Außenbereich einschließlich Wasserspiel stehen dafür bereit.

Die gute Ausstattung führt Birgit Unger auf die Unterstützung von Spendern zurück. Aufgabe der Erzieherinnen, die ab sofort durch Gesa Middendorf unterstützt werden, ist es, mit Müttern wie Kindern ins Gespräch zu kommen. Da sich die Kinder häufig für die Konflikte verantwortlich fühlen, sei das Schweigen oft an der Tagesordnung.

Neu ist der Umgang mit Trennungen aus Gewaltgründen. „Früher war es zappenduster für den Verursacher.“ Heute werde jede Person als eigenes System gesehen, dessen Rolle beachtet und bearbeitet werde. Der ganzheitliche Ansatz verspricht eine zügigere Kommunikationsmöglichkeit mit dem Kind.“

Es gibt erst nur kurze Zeiten der Öffnung, in denen von Heimweh und Zerrissenheit berichtet wird“, so Kollmann-Rost. Sprachund Mentalitätsbarrieren sieht das Frauenhaus als Herausforderung an. Von 33 Frauen (2015) hatten 25 einen Migrationshintergrund, aufgrund dessen auf die Hilfe einer Dolmetscherin zurück gegriffen wird.

Um das weitere Umfeld der Schutzsuchenden einzubeziehen geht das Frauenhaus auch neue Wege hinsichtlich der Anonymität. Die bisher aus Sicherheitsgründen erforderliche und gelebte Geheimhaltung von Standorten soll etwas gelockert werden, um Zugangsschwellen abzubauen.

Stoffbär wird zur Vertrauensperson

Das Frauenhaus als Zufluchtsort

  • Sucht eine Frau Schutz im Frauenhaus, kann sie Tag und Nacht dort anrufen.
  • Sie wird immer mit einer Mitarbeiterin des Frauenforums sprechen können und bei freiem Platz von dieser aufgenommen werden.
  • In besonderen Fällen wird ein Treffpunkt vereinbart, an dem die Frau abgeholt wird.
  • Aus Sicherheitsgründen wird die Anschrift des Hauses nicht bekannt gegeben.
  • Das Frauenhaus im Kreis Unna ist 24 Stunden täglich erreichbar unter Tel. 02303 -77 891-50, Fax 02303 - 77 891-59, E- Mail: Frauenhaus@frauenforum-unna. de

Zur Begleitung bekommt jedes Kind einen kleinen Stoffbären. Mit „Bruno“ können sie über Gefühle sprechen, der Bär erlebt den Alltag des Kindes mit. Den Kindern wird zudem ein Anlass gegeben, über ihre Situation nachzudenken. Gefördert wird dies durch zeichnerische Darstellungen, in denen Kinder darstellen, wen sie etwa zu sich ins Haus einladen, mit wem sie auf dem Sofa sitzen möchten. „Das kann auch die Mutter sehen und dann wird einiges klarer“, so Kollmann-Rost.

Mit den zusätzlichen pädagogischen Möglichkeiten möchte das Frauenhaus den Kreislauf aus Gewalt als Konfliktlösung und Rechtfertigung aus erfahrener Gewalt durchbrechen. „So erleben Kinder den Einzug ins Frauenhaus oft nicht als Schutz. Sie sollen sich aber jetzt als eigene wichtige Zielgruppe mit eigenen Bedürfnissen erfahren“, so Middendorf.

Aktiv und selbstwirksam zu handeln ist Ziel der sozialpädagogischen Arbeit des Frauenhauses, damit Mütter und Kinder neue Kontakte knüpfen und eine individuelle Perspektive entwickeln können.


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