Frauenforum im Kreis Unna e.V. Frauenforum im Kreis Unna e.V.

24.12.2016 Hellweger Anzeiger

Weihnachten im Frauenhaus im Kreis Unna

Für die neun Kinder, die derzeit mit ihren Müttern im Frauenhaus wohnen, sollen Weihnachtstage natürlich ein schönes Fest werden, egal ob sie christlichen oder muslimischen Glaubens sind. Erzieherin Gesa Middendorf packt die Geschenke für die Bescherung ein.
Fotos: Hennes

Wunsch nach friedvollem Leben

Im Frauenhaus können Frauen und Kinder oft das erste Mal seit Langem durchatmen

Von Christoph Schmidt

Kreis Unna. Die Familie sollte ein Ort der Geborgenheit sein, ein Ort des Friedens und der Sicherheit. Leider ist das nicht immer so. Dann tritt Unterdrückung an die Stelle von Unterstützung, regiert Gewalt statt Liebe. Für Frauen und Kinder, die unter diesen Zuständen leiden, gibt es Einrichtungen wie das Frauenhaus – hier finden sie Schutz und Hilfe.

Durch die Räume schallt glockenhelles Kinderlachen. Ein kleiner Junge saust mit einem Rutschauto in einem Affenzahn über den Flur. Verfolgt von einem kleinen Mädchen, die beiden verschwinden hinter der nächsten Ecke. Auf einem prominenten Ehrenplatz steht erhaben der große Adventskalender, der bereits ordentlich geplündert worden ist. Daneben sitzt Gesa Middendorf am kleinen Tisch im Spielzimmer und wickelt ein Modellauto in buntes Geschenkpapier. „Das dürfen die Kinder aber noch nicht sehen“, raunt die Erzieherin verheißungsvoll. Es soll am Heiligen Abend schließlich die große Überraschung sein, wenn am Nachmittag die Bescherung ansteht. Für die neun Frauen und neun Kinder wird es das erste friedvolle Weihnachtsfest – die erste friedvolle Zeit – seit Langem sein. Sie leben derzeit im Frauenhaus im Kreis Unna. Diese Einrichtung ist ein Zufluchtsort für Frauen und deren Kinder, die Gewalt erlebt haben oder davon bedroht sind. Das Frauenhaus ist das ganze Jahr über 24 Stunden am Tag erreichbar. „Für uns macht s letztlich auch keinen Unterschied, ob Weihnachten ist oder irgendein anderer Tag im Jahr“, sagt Christina Schulz. Sie leitet die Einrichtung seit eineinhalb Jahren und führt oft die ersten Aufnahmegespräche mit den Frauen, die dort neu ankommen. „Gewalt in der Familie kennt keine Jahreszeiten oder Feier tage. Grundsätzlich lässt sich jedoch beobachten, dass das Ausmaß der Gewalt und Unterdrückung, das Frauen erleiden, in der Vergangenheit schlimmer geworden ist“, sagt die Sozialarbeiterin.

Das Frauenhaus ist immer erreichbar

Hilfe für Frauen und ihre Kinder in Notsituationen

Der Weg ins Frauenhaus führt in der Regel zunächst über telefonische Kontaktaufnahme. Wenn Plätze zur Verfügung stehen, ist zu jeder Tages und Nachtzeit eine Mitarbeiterin erreichbar. Für den Fall, dass in einer Einrichtung al le Plätze belegt sind, werden hilfesuchenden Frauen Alternativoptionen aufgezeigt, wohin sie sich wenden können.

„Die Situationen, in denen Frauen bei uns ankommen, sind ganz unterschiedlich“, sagt Christina Schulz. Die Leiterin der Einrichtung im Kreis Unna kennt Fälle, in denen die Frauen bereits Wochen im Voraus geplant haben, ins Frauenhaus zu ziehen, und so noch genügend Zeit hatten, wichtige Unterlagen zusammenzusuchen. In einer Checkliste unter www.frauenforum-unna.de sind einige Dokumente und Utensilien aufgelistet, die nach Möglichkeit mitgebracht werden sollten.

Eine solche Planung ist freilich nicht immer möglich. Es gibt Momente, in denen spontan reagiert werden muss. Es kann auch vorkommen, dass die Polizei die Frauen – etwa nach einer Eskalation – direkt ins Frauenhaus bringt. In anderen Fällen kann auch ein Treffpunkt vereinbart werden, an dem die Frau abgeholt wird. Dabei zählt in allererster Linie die Sicherheit der Frauen und Kinder. Dokumente zusammenzustellen und mitzubringen, wird dabei nebensächlich.
„Wenn das nicht geht, dann geht das eben nicht. Die Frauen sollen unbedingt trotzdem kommen“, betont die Leiterin ganz deutlich. Das Frauenhaus ist eine Einrichtung des Frauenforums im Kreis Unna. Durch diese enge Verzahnung, können die Frauen besonders gut von einem breiten Spektrum an Hilfediensten profitieren, die auch nach dem Aufenthalt im Frauenhaus noch greifen.

Spenden

Die Räumlichkeiten des Frauenhauses müssen renoviert werden. Der letzte Pinselstrich passierte hier 2009. Für die nun anstehenden Malerarbeiten können Spenden getätigt werden:

Sparkasse Unna-Kamen IBAN: DE21
4435 0060 0000 0397 92
BIC: WELADED1UNN

Mehr Frauen mit Migrationshintergrund

Bemerkenswert sei dabei auch, dass die Zahl der Frauen mit Migrationshintergrund, die sich hilfesuchend an das Frauenhaus wenden, zunehme. „Einerseits ist es erschreckend, mit welcher Macht und über wie lange Zeiträume die Frauen in der Familie unterdrückt worden sind und in ständiger Gewalterfahrung leben mussten, bis sie sich bei uns Hilfe suchen“, betont Schulz. Andererseits sei der Anstieg bei eben diesen Fällen auch ein positives Signal. Denn nur durch das Hilfesuchen könne es gelingen, aus der Spirale des Leidens auszubrechen. Zwei Drittel der Frauen, die derzeit im Frauenhaus im Kreis Unna wohnen, sind Muslima. Der Gang in die Einrichtung stellt hierbei so zusagen den ersten Schritt auf dem Weg in ein neues, selbstbestimmtes Leben dar.

„Im besten Fall können die Erfahrungen, die die Frauen bei uns machen, und die persönliche Entwicklung, bei der wir ihnen zur Seite stehen, als Orientierungshilfe dienen und auch anderen Frauen Mut machen, es ihnen gleichzutun.“

Eines der ersten Dinge, die Christina Schulz zu den hilfesuchenden Frauen während des Aufnahmegesprächs sagt, ist, dass sie sie beglückwünscht. Sie beglückwünscht sie zu ihrem Mut, beglück wünscht sie zu der Willenskraft, sich aktiv für ein besseres Leben einzusetzen, für sich selbst und auch ihre Kinder. Glückwünsche mögen an dieser Stelle et was befremdlich sein, besonders wenn die Sozialarbeiterin darauf zu sprechen kommt, wie groß ihre Anerkennung dafür ist, was die Frauen bislang bereits alles erleben mussten, erduldet und durchlitten haben. „Ich weiß, dass das komisch klingt“, sagt Schulz, „aber ich sage das aus voller Überzeugung und größtem Respekt.“

„Gewalt in der Familie kennt keine Jahreszeiten oder Feiertage.“
Christina Schulz, Leiterin des Frauenhauses

Gerade für Migrantinnen ist die Kontaktaufnahme oft schwierig und hat der Arbeit im Frauenhaus im Laufe der Zeit eine völlig neue Qualität abverlangt.
Die Herausforderung geht dabei weit über Sprachbarrieren hinaus. „Es kommt vor, dass das Aufnahmegespräch der erste Schritt aus einer jahrelangen Isolation ist. Etwa nach Zwangsheirat, Unterdrückung und Misshandlung.“ Einige der Frauen erzählen davon, dass sie die Wohnung nicht hätten verlassen dürfen, sie sollten kein Deutsch lernen und ihre Ehemänner hätten ihnen den Besuch von Integrationskursen verboten.

„Die Frauen werden teilweise mit aller Gewalt klein gehalten, sie sollen bloß nicht auf derselben Stufe wie die Männer stehen. Insofern ist es umso bewundernswerter, wenn sie den Mut aufbringen und Hilfe suchen.“

Der Grundstein für ein neues Leben

Die Frauen verbringen in der Regel drei Monate im Frauenhaus. Eine verhältnismäßig kurze Zeit, um von Grund auf ein neues Leben zu beginnen. Aber eine Zeit, in der es im gemeinschaftlichen Miteinander gelingen kann, eine Idee davon bekommen, wie ein alternativer Lebensplan aussehen kann. „Sollte sich eine Frau dazu entscheiden, nach der Zeit bei uns, in Zukunft alleine leben zu wollen, unterstützen wir sie natürlich bei der Wohnungssuche“, so Christina Schulz. So etwas kann schon bis zu neun Monate dauern. Ein Zeitraum, in dem das Frauenhaus-Team darauf hinarbeitet, dass die Frauen aus der Opferrolle herauskommen. „Zum Abschied bekommen die Frauen dann im übertragenen Sinne einen Koffer mit auf den Weg, in dem eine Vielzahl von Adressen, Ansprechpartnern aber auch Strategien sind, mit denen sie ihr weiteres Leben gestalten können.“

Auf dem Weg dorthin stehen ihnen die Mitarbeiterinnen beratend und begleitend zur Seite, bei allen Entscheidungen, die sie für sich und ihre Kinder treffen. Natürlich auch bei der Gestaltung des All tags – und dazu gehören in der Weihnachtszeit natürlich Plätzchenbacken und die passenden Advents und Weihnachtslieder. „Die verschiedenen Religionen sind dabei eigentlich überhaupt kein Thema. Die muslimischen Frauen vergleichen die Stimmung in dieser Zeit oft mit dem Zuckerfest im Islam“, sagt Christina Schulz.

„Manche Traditionen sind sich auch gar nicht so fremd. Ich komme aus Dresden und habe mal ein Räuchermännchen mitgebracht. Das ist den Räucherstäbchen, die einige Frauen aus dem arabischen Raum kennen, gar nicht so unähnlich.“

Aber egal ob Räuchermännchen oder -stäbchen, egal ob Weihnachten oder Zuckerfest, ob Christin oder Muslima. Die Menschen, die das Schicksal unter diesem Dach zusammengeführt hat, eint ein und derselbe Wunsch: ein glückliches und friedvolles Leben führen zu können.

Bruno der Bär hilft

Ein kleiner Bär für alle Lebenslagen

Dazu muss es noch nicht einmal Weih nachten sein. Jedes Kind, das mit seiner Mutter vorübergehend im Frauenhaus wohnt, bekommt einen kuscheligen Freund an die Seite gestellt. Der kleine Bär Bruno wird mit dem Namen des jeweiligen Kindes gekennzeichnet und bleibt auch nach der Zeit in der Einrichtung an seiner Seite.

„Es kann passieren, dass Frauen mit ihren Kindern ganz plötzlich zu uns kommen, ohne dass sie groß etwas vorbereiten konnten“, sagt Christina Schulz. In solchen Situationen haben natürlich auch die Kin der ihr Spielzeug und ihre Lieblingskuscheltiere nicht dabei. Damit sie nicht ganz alleine sind, leistet ihnen Bruno Gesellschaft. „Ihm können die Kinder ihre Sorgen und Ängste anvertrauen, das fällt oft leichter, als mit uns Erwachsenen zu sprechen“, sagt die Sozialarbeiterin.

 


Termine & Aktuelles

PDF als Download

Aktuelle Kurse zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung, Informations-veranstaltungen und Workshops

Termine und Informationen >>
Bildungsspender

Bundesweites Hilfetelefon für Frauen

365 Tage im Jahr, rund um die Uhr in mehreren Sprachen erreichbar.

Zur Website »