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19.05.2017 Hellweger Anzeiger Kreis Unna

Wohnungslosigkeit von Frauen ist ein verstecktes Problem
Wenn eine Beziehung in die Brüche geht und nur der Mann im Mietvertrag steht, kann es ganz schnell gehen: Die Frau muss die Koffer packen und steht im schlimmsten Fall ohne Wohnung da, wenn Eltern oder Freunde nicht helfen können. Foto: Monet/Fotolia

Plötzlich ohne Wohnung

Wohnungslosigkeit von Frauen ist ein verstecktes Problem, aber ein sehr ernstes: Die Übernachtungsstelle des Frauenforums im Kreis Unna verzeichnet eine steigende Nachfrage.

Von Kevin Kohues

Kreis Unna.
Die Szene der Wohnungslosen ist eine von Männern geprägte, Frauen spielen an den bekannten Treffpunkten im Stadtbild kaum eine Rolle. Doch das heißt nicht, dass Frauen das Problem nicht betrifft. Auch sie können aus unterschiedlichen Gründen in Wohnungsnot geraten. Die Übernachtungsstelle des Frauenforums im Kreis Unna bietet ihnen ein Dach über dem Kopf. Die Nachfrage ist im Jahr 2016 gestiegen.

Wie Anja Wolsza als Leiterin des Bereichs Wohnhilfen mitteilt, lag die Auslastung der Übernachtungsstelle im Jahr 2016 bei 86,58 Prozent – ein deutlicher Zuwachs im Vergleich zu 2015 (74,84 Prozent). Im laufenden Jahr 2017 ist die Übernachtungsstelle sogar zu 95 Prozent belegt – ein Spitzenwert, der die wachsende Bedeutung des Angebots belegt. In der Übernachtungsstelle in Unna stehen Frauen sieben Betten in sechs Zimmern zur Verfügung, es gibt fünf Einzelund ein Zweibettzimmer.

Häuslicher Streit als häufigster Grund

Häuslicher Streit als häufigster Grund
Konflikte mit dem Partner oder den Eltern waren 13 Mal der Grund, weshalb Frauen die Übernachtungsstelle brauchten. Quelle: Frauenforum im Kreis Unna I Grafik: Kohues 1 8 13

30 Frauen kamen 2016 in einem der Zimmer unter, 14 von ihnen waren nicht älter als 27 Jahre. Die Gründe sind vielfältig. Mitunter liegt es daran, dass das Geld für die Miete nicht mehr reicht, aber auch Konflikte mit dem Partner oder mit den Eltern geben oft den Ausschlag für den Auszug. „Wenn die Frau nicht mit im Mietvertrag steht, der Mann sie vor die Tür setzt, und die Frau dann nicht weiß wo sie hin soll, kann sie ganz schnell bei uns landen“, nennt Anja Wolsza ein Beispiel. Das Problem betreffe auch die bürgerliche Mitte. In Zeiten, in denen immer mehr Menschen Partnerschaften über das Internet eingehen und der Liebe wegen von einem Bundesland ins andere ziehen, passiert es immer häufiger: Die Beziehung geht in die Brüche, ein soziales Netz aus Eltern oder anderen Verwandten und Freunden, die Unterschlupf bieten könnten, fehlt.

Bewohnerinnen müssen gemeinschaftsfähig sein

Die Übernachtungsstelle des Frauenforums gewährleistet – wie ihr Pendant der Caritas bei den Männern – dass niemand auf der Straße bleibt. Sie bietet den Bewohnerinnen auch eine Tagesstruktur mit festen Mahlzeiten. Es gibt eine Gemeinschaftsküche und ein Wohnzimmer, einen Wasch- und Trockenraum. Die Frauen versorgen sich selbst. Damit das auch funktionieren kann, müssen sie freilich absprache- und gemeinschaftsfähig sein. Wobei das Frauenforum froh ist, dass es zum Jahreswechsel dank des neuen Finanzierungsvertrages mit dem Kreis Unna möglich war, eine Hauswirtschafterin einzustellen. Diese kümmert sich darum, dass das Zusammenleben in der Übernachtungsstelle klappt, leitet an und achtet darauf, dass die Frauen ihre Aufgaben wie die Reinigung von Küche, Bädern und Zimmern erledigen und die Regeln einhalten.

Die Mitarbeiterinnen der Wohnhilfen helfen ihnen auf vielfältige Weise, etwa bei der Regulierung von Schulden, bei der Wiederherstellung des Kontakts zu ihren Kindern, bei der Begleitung zu Ärzten oder der Beantragung von Sozialleistungen. In der Übernachtungsstelle erhalten die Frauen neben der Schlaf- und Aufenthaltsmöglichkeit auch eine Meldeadresse. Und die ist Voraussetzung für den Bezug von Sozialleistungen, denn bei Mittellosigkeit zahlt das Jobcenter die Kosten der Unterkunft. Die wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe ist freilich die Suche nach einer neuen Wohnung. Drei Monate sollte die Verweildauer in der Übernachtungsstelle maximal dauern, doch dieses Ziel ist nicht immer zu erreichen.

Ein Jahr nach einer Wohnung gesucht

Fast jede Dritte ist jünger als 22

Fast jede Dritte ist jünger als 22
Alter der Frauen in der Übernachtungsstelle 2016. Insgesamt übernachteten 30 Frauen in der Übernachtungsstelle. Die Grafik zeigt: Wohnungslosigkeit betrifft überwiegend jüngere Frauen, kommt aber auch im höheren Alter ab 50 durchaus vor. Quelle: Frauenforum im Kreis Unna I Grafik: Kohues

Gerade wenn aufgrund von Mietschulden ein Schufa-Antrag besteht, wird es knifflig. „Für eine Frau haben wir nach einer Zwangsräumung mal ein Jahr nach einer neuen Wohnung gesucht“, sagt Martina Ricks-Osei. Die Sozialarbeiterin hilft den Frauen, ihren Alltag und die Existenzsicherung wieder in den Griff zu bekommen.

Eine Wohnung zu finden, sei zwar meist etwas leichter als bei den Männern, weil Vermieter den Frauen zum Beispiel eher zutrauen würden, die Hausordnung einzuhalten. Trotzdem muss das Frauenforum eine starke Akquise und viel Netzwerkarbeit betreiben, um passende, bezahlbare Wohnungen für seine Klientinnen zu finden. Dass die Frauen dabei Abstriche in Kauf nehmen müssen, etwa was den Wohnort oder das Umfeld betrifft, versteht sich beinahe von selbst.

Wohnraum und Schlafbusse

„Wohnraum, Wohnraum, Wohnraum“, lautet die Antwort von Wohnhilfe- Leiterin Anja Wolsza auf die Frage, was sie sich für ihre Arbeit und die Klientinnen wünsche. Mit mehr einfachen, bezahlbaren Wohnungen in einem vernünftigen, sicheren Umfeld ließen sich viele Probleme lösen.

Begrüßen würde Wolsza auch ein zusätzliches Angebot sogenannter niedrigschwelliger Schlafplätze, die unkompliziert und ohne Verpflichtungen eine Übernachtung ermöglichen. Als Beispiel nennt sie Schlafbusse, wie es sie etwa in Südeuropa gibt. Den Bedarf gebe es bei Frauen wie Männer bundesweit, ein Konzept aber fehlt. „Hier müsste sich die Politik etwas einfallen lassen“, findet Wolsza.

 


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