Frauenforum im Kreis Unna e.V. Frauenforum im Kreis Unna e.V.

02.12.2017 Pressemitteilung

Hellweger Anzeiger: 43 Euro entscheiden über Irenas Seelenfrieden
Der Blick in den Immobilienteil gehört für Irena seit einigen Monaten zur Routine. Regelmäßig muss sie nachweisen, dass sie sich bemüht eine angemessene Wohnung zu finden, denn die, in der sie nun acht Jahre wohnt, ist zu teuer geworden.

FOTO: SCHMIDT

43 Euro entscheiden über Irenas Seelenfrieden

KREIS UNNA. Mieten und Betriebskosten steigen rasant – bisweilen schneller, als dies durch eine Anpassung der Grundsicherung aufgefangen werden kann. Das führt dazu, dass sich Leistungsbezieher günstigere Wohnungen suchen müssen.

Eine von ihnen ist Irena. Seit acht Jahren wohnt sie in einem Mehrfamilienhaus in Unna in einer kleinen Wohnung. Es nieselt an diesem nasskalten Novembermorgen und vor der Tür, die in den zugigen Flur des Wohnblocks führt, warten schon Elvi Sabe-Droste und Anja Wolsza. Sie sind von der Wohnhilfe FrauenRäume des Frauenforums im Kreis Unna und kennen Irena schon lange. Zielgenau steuern die beiden durch das Treppenhaus über einen kleinen Freiflur auf eine Wohnungstür im ersten Stock zu, sie haben Irena damals die Wohnung vermittelt. Im Türrahmen steht eine lächelnde Frau. Nach einer kurzen aber herzlichen Begrüßung deutet Irena an, schnell hereinzukommen, „es ist so kalt draußen“, sagt sie und reibt die Hände ineinander. Über eine kleine Diele führt der Weg in ihr Wohnzimmer. Es duftet nach Waschmittel und frisch gekochtem Kaffee. Auf dem Esstisch eine weiße Tischdecke mit Spitzenrand, darauf Tassen und Thermoskanne, ein Teller mit etwas Gebäck. Irena setzt sich vor Kopf, schenkt allen Kaffee ein und lächelt Elvi Sabe-Droste an. Wie viel die beiden bereits zusammen durchgemacht haben, erzählt sie später. Zunächst aber kommt sie auf den Punkt, sie muss aus ihrer Wohnung raus. 43 Euro zu viel kosten die gut 50 Quadratmeter im Monat. Als sie den Brief von der Stadt, dass ihre Wohnung zu teuer geworden sei, in ihrem Postkasten fand, brach für sie eine Welt zusammen. „Da stand drin, dass ich mir eine angemessene Wohnung suchen muss, dafür habe ich sechs Monate Zeit“, sagt Irena und steht ächzend auf. Mit der rechten Hand reibt sie sich über die Hüfte. „Ich habe immer Probleme mit meinen Beinen“, sagt sie fast entschuldigend, während sie Richtung Flur geht. „70 Prozent Schwerbehinderung“, fügt sie etwas lauter hinzu, als sie bereits um die Ecke zum Schlafzimmer verschwunden ist. Als sie zurückkommt, hält sie einen blauen Aktenordner in den Händen. Sie setzt ihre Brille auf und blättert durch die Seiten.

Nebenkosten steigen

Hellweger Anzeiger: 43 Euro entscheiden über Irenas Seelenfrieden

»Die Betriebskosten sind enorm gestiegen, das treibt in vielen Fällen die Bruttokaltmiete über den Satz für angemessenen Wohnraum.«

Anja Wolsza, Leitung Wohnhilfen FrauenRäume

FOTO: SCHMIDT

„273 Euro ist die Kaltmiete, dazu kommen 109 Euro Betriebskosten und 76 Euro für die Heizung“, liest sie vor. Sie setzt die Brille wieder ab und seufzt: „Das ist zu viel.“ Ganz langsam füllen sich ihre Augen mit Tränen: „Seit acht Jahren wohne ich hier, alles war immer gut und ich fühle mich hier so wohl und jetzt muss ich weg.“ Wieder schaut sie zu Sozialarbeiterin Elvi Sabe-Droste und Anja Wolsza hinüber: „Ihr habt schon so viel für mich getan und jetzt helft ihr mir wieder, dafür bin ich so dankbar.“

Anja Wolsza nickt: „Ja, das ist leider alles nicht so einfach. Als wir damals die Wohnung für Irena gefunden haben, hatte das von den Kosten her noch gepasst. Die Betriebskosten sind enorm gestiegen, das treibt in vielen Fällen die Bruttokaltmiete über den Satz für angemessenen Wohnraum.“

Seit Monaten ist Irena auf der Suche nach einer Wohnung, die den Anforderungen entspricht – vergeblich. Die Frist von sechs Monaten läuft im Januar ab. Das heißt aber nicht, dass Irena dann direkt auf der Straße sitzt. „Es besteht die Möglichkeit, eine Fristverlängerung bei der Stadt zu beantragen“, erklärt die Sozialarbeiterin. Dazu muss Irena nachweisen, dass sie sich bemüht hat, eine passende Wohnung zu finden, aber keine verfügbar ist. „Ich schreibe an die Stadt, dass ich keine Wohnung finden kann, dazu muss ich mir noch einen Stempel bei der UKBS holen und lege Wohnungsanzeigen aus der Zeitung dazu“, erklärt sie und zieht einen handgeschriebenen Brief aus einem Umschlag.

Aufschub für sechs Monate

In den Zeilen vergewissert Irena gegenüber der Stadt Unna, dass sie sich redlich darum bemühe, eine passende Wohnung zu finden. „Zum Glück ist die Sachbearbeiterin sehr nett und hat Verständnis, sie macht ja auch nur, was das Gesetz vorschreibt“, sagt Irena. Auch, wenn sie mit einer verlängerten Frist von sechs Monaten weiter nach einer Wohnung suchen kann, ist die ständige Konfrontation mit dem drohenden Verlust der Wohnung sehr belastend. Irena hängt sehr an ihrer Wohnung, an ihrem Umfeld, hat einen langen, beschwerlichen Weg hinter sich und in ihrer Nachbarschaft in den vergangenen Jahren vieles aus ihrer Vergangenheit überwinden können. Ende der 80er-Jahre ist sie ihrem damaligen Mann aus Polen nach Deutschland gefolgt. Irena wird ernst, als sie davon erzählt: „Er hatte Arbeit als Automechaniker in Köln gefunden. Ja und dann bin ich irgendwann auch mit nach Köln gekommen, dort haben wir auch lange gelebt“, erzählt sie. Doch es gab mehr und mehr Probleme. „Er hat mich geschlagen und nicht gut behandelt.“ Näher will Irena darauf nicht eingehen und schaut wieder zu ihren Tischnachbarinnen vom Frauenforum hinüber. „Dann bin ich da raus und habe mir Hilfe gesucht und bin zum Glück im Frauenhaus in Unna untergekommen.“ Jetzt lächelt sie wieder. Von dort aus ging es dann in die kleine Wohnung in Unna und die enge Verbundenheit zu dem Haus an der Hansastraße und dem Frauenforum ist geblieben. Das freut auch Elvi Sabe-Droste: „Durch den engen Kontakt konnten wir in der ersten Zeit viel aufarbeiten und hin und wieder kommt Irena uns auch heute noch besuchen und bringt Kuchen oder Bigos mit.“ Ihrer Heimat Polen ist sie auch noch sehr verbunden. Sie deutet auf die kleinen Gebäckstückchen auf dem Tisch: „Das ist Lebkuchen aus meiner Heimatstadt, aus Thorn“, erzählt sie stolz. Dann etwas ernster: „Dahin fahre ich jetzt über Weihnachten wieder zurück. Meine Mutter ist sehr krank.“ Die rund 900 Kilometer lange Fahrt mit dem Bus koste nur 50 Euro, berichtet Irena. Bei einem Regelsatz von 409 Euro, von dem noch Strom, Telefon, Lebensmittel und Kleidung bezahlt werden müssen, hat sie schwer dafür gespart. Für einige Dinge reiche das Geld einfach nicht, wie etwa die fehlenden 43 Euro im Monat dazu zu bezahlen oder etwa einen Internetzugang, obwohl dieser natürlich die Wohnungssuche enorm vereinfachen würde, das weiß auch Irena. Denn auf Dauer kann ihre derzeitige Situation nicht weitergehen.

Keine Dauerlösung

„Das Gute ist, dass der Aufschub, den die Stadt bei der Wohnungssuche gewährt, zunächst nicht zeitgebunden ist“, erklärt Anja Wolsza. Das bedeutet, dass auch nach Ablauf der Verlängerungsfrist eine erneute Verlängerung beantragt werden kann und höchstwahrscheinlich auch gewährt wird. Doch Irena möchte gerne mit dem Thema abschließen, zu sehr belaste sie die ständige Angst, sie könne ihre Wohnung doch noch verlieren, denn günstiger wird diese wohl auch in Zukunft nicht mehr werden – und das belaste ihre Seelenfrieden sehr, sagt sie.

Von Christoph Schmidt


Hellweger Anzeiger


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