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Frauenforum im Kreis Unna e.V.

22.09.2018 Pressemitteilung

Bitte nicht zurück aufs Sofa

„Wir brauchen einen dauerhaft geförderten öffentlichen Arbeitsmarkt, um die Leute nicht immer wieder aufs Sofa zu schicken.“

Birgit Unger, Geschäftsführerin Frauenforum Unna

HA-FOTO: Kevin Kohues

„Bitte nicht zurück aufs Sofa“

Wenn Politiker vom Sozialen Arbeitsmarkt reden, geht es um Menschen wie Heike Walz. Der Arbeitsplatz der 57-Jährigen ist öffentlich gefördert. Wie es zum Jahresende weitergeht, ist ungewiss.

KREIS UNNA Behände schält Heike Walz die Äpfel, auf die bereits ein großer Topf wartet. Die 57-Jährige steht in der Küche des Frauenforums Unna, kocht Apfelmus für bis zu 14 Frauen. Seit knapp drei Jahren ist die Unnaerin im Frauenforum nicht nur fürs Einkaufen und Kochen zuständig, sondern führt auch Tätigkeiten aus, für die es anderswo einen Hausmeister gibt: elektronische Geräte anschließen und reparieren, Möbel aufbauen.

Doch Heike Walz ist eigentlich weder Köchin noch Hausmeisterin, sondern Starkstrom-Monteurin. Jedenfalls hat sie bis 2010 in diesem Beruf gearbeitet, bis sie arbeitslos wurde. Ein Jahr bekam die zweifache Mutter und sechsfache Großmutter Arbeitslosengeld I, danach Arbeitslosengeld II, landläufig Hartz IV. Zuhause auf dem Sofa fiel ihr die berühmte Decke auf den Kopf, sie wollte unbedingt wieder arbeiten.

„Sie sind zu alt“

Doch im Jobcenter galt sie als schwer vermittelbar. „Sie sind zu alt“, habe sie oft zu hören bekommen, sagt Walz. Und in ihrem eigentlichen Beruf gab es keine Stellen mehr. Zunächst als Ein-Euro-Jobberin kam sie dann zum Frauenforum, das Opfern häuslicher Gewalt Beratung, Schutz und ein Dach über dem Kopf bietet.

2016 bekam sie einen Platz im Programm Soziale Teilhabe, bekommt nun den Mindestlohn für 30 Stunden Arbeit in der Woche und zahlt wieder in die Rentenversicherung ein.

Das Geld kommt zwar immer noch vom Jobcenter und damit vom Staat, doch Heike Walz bekommt es nicht mehr fürs Auf-dem-Sofa-Sitzen, sondern für eine sinnvolle Tätigkeit, die ihr selbst und dem Frauenforum als Quasi-Arbeitgeber nützt. Eine Win-Win-Situation also – aber nach jetzigem Stand ist damit zum Jahresende Schluss.

Programm läuft aus

Das Programm Soziale Teilhabe, in dem aktuell rund 620 Langzeitarbeitslose beschäftigt sind, läuft aus. An seine Stelle soll ein Sozialer Arbeitsmarkt treten, über dessen Ausgestaltung noch kontrovers diskutiert wird. Das Gesetz ist noch nicht beschlossen, doch nicht nur die Verantwortlichen des Frauenforums haben mit dem Entwurf so ihre Probleme.

„Einen Hausmeister haben wir nicht. Nicht nur deshalb würden wir Frau Walz gerne weiter beschäftigen.“

Anja Wolsza, Leiterin Frauenräume im Frauenforum

„Arme Träger“ im Nachteil

Da ist vor allem die Beteiligung des Arbeitgebers an den Personalkosten in Höhe von 10, 20 und 30 Prozent im dritten, vierten und fünften Beschäftigungsjahr. „Als sogenannter ,armer Träger‘ sehen wir uns außer Stande, einen solchen Eigenanteil aufzubringen“, heißt es wörtlich in einem Schreiben, das Birgit Unger als Geschäftsführerin des Frauenforums an Landrat Michael Makiolla und die politischen Kräfte im Kreistag geschickt hat.

„Armer Träger“ heißt: Das Frauenforum verdient – anders als privatwirtschaftliche Unternehmen – kein Geld, hat nichts zu verkaufen. Trotzdem leistet es zweifellos eine wichtige, unterstützenswerte Arbeit für das Gemeinwohl – wie übrigens auch die anderen „armen Träger“ der Teilhabe-Stellen, darunter Einrichtungen wie die Tafeln, Sozialkaufhäuser oder die Radstationen.

Außer Frage steht für Birgit Unger, dass Heike Walz weiter beschäftigt werden soll. Neben der Frage, ob für die 57-Jährige überhaupt ein Platz im Sozialen Arbeitsmarkt gefunden werden kann, bereitet ihr nun aber auch die Finanzierung Bauchschmerzen. Eine Lösung könnte nicht nur aus ihrer Sicht ein Aktiv-Passiv-Tausch darstellen. Folgende Rechnung macht sie auf: Einem Trägeranteil von 8200 Euro in zwei Jahren stünde ihres Wissens eine Ersparnis für Kosten der Unterkunft von 9480 Euro in zwei Jahren gegenüber, weil Heike Walz ja ihre Miete und Heizkosten aus ihrem Gehalt bezahlen könnte. Der Kreis Unna als Finanzier der Warmmieten für Hartz-IV-Empfänger könnte also sogar etwas Geld sparen.

Kosten-Explosion droht

In die gleiche Kerbe schlägt Herbert Dörmann von der Werkstatt im Kreis Unna, bei der sage und schreibe 330 Menschen über die Soziale Teilhabe beschäftigt sind. Komme es so wie im Gesetzentwurf vorgesehen, stünden dem Kreis Unna beim Sozialen Arbeitsmarkt 450 Plätze weniger zur Verfügung als beim auslaufenden Teilhabe-Programm – und drohten die Kosten der Unterkunft im Kreishaushalt um eine Million Euro pro Jahr zu steigen, hat Dörmann ausgerechnet.

Zurück in den Teufelskreis

Finanziell wären die Folgen also ebenso fatal wie für die betroffenen Menschen. Dörmann fasst dies in der Jahresbilanz der Werkstatt so zusammen: Soziale Teilhabe bedeutet ein Einkommen ohne Hartz IV, soziale Anerkennung und Selbstwertgefühl, eine Vorbildfunktion für die eigenen Kinder. Ab Januar 2019 droht bis zu 450 Arbeitslosen stattdessen ein Rückfall in die Abhängigkeit von Hartz IV, ein Wegfall der Tagesstruktur, der sozialen Kontakte und Anerkennung – kurzum: die Rückkehr in den Teufelskreis aus Armut, Antriebs- und Perspektivlosigkeit.

Das kann eigentlich niemand wollen – und deshalb bemühen sich zurzeit viele Kräfte insbesondere aus der SPD um Verbesserungen am Gesetz. Heike Walz sagt übrigens, sie könne die Probleme mit den Beschäftigungsprogrammen nicht so gut auf den Punkt bringen. Doch eigentlich tut sie genau das, als sie sagt: „Ich will auf keinen Fall zurück aufs Sofa.“

 

Von Kevin Kohues

Hellweger Anzeiger


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