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Frauenforum im Kreis Unna e.V. Frauenforum im Kreis Unna e.V.

12.12.2018 Pressemitteilung

Einsam, krank, verängstigt: Wie Streetworker Wohnungslosen helfen – und warum die Hilfe endet

Die Streetworker (vorne v.l.) Ulrike Thierfeld, Jona Picht, Zora Lachermund, Anke Brink und Tanja Scheuermann waren drei Jahre lang im gesamten Kreis Unna unterwegs, um Wohnungslosen zu helfen beziehungsweise Wohnungslosigkeit gar nicht erst entstehen zu lassen. Nun endet das Projekt. Es war sehr erfolgreich. Fortgesetzt wird es aber nicht.

FOTO: ©Marcel Drawe

Einsam, krank, verängstigt: Wie Streetworker Wohnungslosen helfen – und warum die Hilfe endet

Es gibt Schicksale, die kaum zu glauben sind. Manchmal spielen sie sich mitten unter uns ab – und bleiben doch im Verborgenen. Das von Almut Z. ist so eins. Eine Streetworkerin macht es jetzt öffentlich.

Kreis Unna - Die Streetworkerin Zora Lachermund ist Teil eines bemerkenswerten Projekts, das nach nun drei Jahren vor dem Ende steht. „Lotsen“ heißt es, und drei Einrichtungen aus dem Kreis Unna haben darin zusammengearbeitet, um wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen zu helfen. Das Besondere an der Kooperation von Caritas, Diakonie und Frauenforum im Kreis Unna war die „aufsuchende Hilfe“: Fünf Sozialarbeiter sind buchstäblich auf die Straße gegangen, um Betroffenen aktiv ihre Hilfe anzubieten, anstatt in Beratungsstellen auf Klienten zu warten.„Gerade in Verbindung mit Alkohol kommen Frauen immer wieder in Situationen, aus denen sie sich alleine nicht befreien können“, sagt Kerstin Luttrop. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Gleichstellungsbeauftragte das Projekt in Bönen vorgestellt (wir berichteten) in der Hoffnung, dass Wirte sich melden und mitmachen bei der Kampagne – zunächst ohne Resonanz.

Abhängigkeit von der Mutter – und Hilflosigkeit, als sie stirbt

Eine dieser Betroffenen war Almut Z. (Name von der Redaktion frei erfunden), eine 55-jährige Frau. Sie lebte, so erzählt Zora Lachermund, in einer „symbiotischen Beziehung mit ihrer Mutter“. Anders ausgedrückt: Die Frau war völlig abhängig von ihrer Mutter und wurde von dieser bewusst klein gehalten. „Sie war psychisch und chronisch körperlich krank, und sehr einsam, hatte keine weiteren Angehörigen und keine Freunde“, sagt Lachermund. Als die Mutter eines Tages stirbt, ist die 55-Jährige ganz allein – und heillos überfordert. Einer Pfarrerin fällt bei der Beerdigung der Mutter auf, in welch verwahrlostem, unterernährten Zustand sich die Frau befindet. Sie ruft die Diakonie an, die wiederum das Frauenforum informiert. So kommt der Kontakt zu „Lotsin“ und Streetworkerin Zora Lachermund zustande. Sie sagt, sie habe eine völlig verunsicherte und verängstigte Frau angetroffen – „in einer Wohnung, die aussah wie in den 70er-Jahren“. Die Wohnungslosigkeit wäre für die Frau, die nie in ihrem Leben selbst bei einem Amt gewesen war, ohne Hilfe die logische Folge gewesen. Sie hatte kein Einkommen, bereits Mietschulden angehäuft.

Rechtliche Betreuung und betreutes Wohnen

Doch sie nahm die Hilfe an, und Zora Lachermund gab sie ihr. Inzwischen fließt Unterstützung vom Jobcenter, hat das Amtsgericht Almut Z. eine rechtliche Betreuerin zur Seite gestellt. Nach sechsmonatigem Antragsverfahren ermöglichte der Landschaftsverband die Aufnahme in ein ambulant betreutes Wohnen für psychisch Kranke. Der Gesundheitszustand, sagt Lachermund, habe sich verbessert.

Sie sagt auch, dass die 55-Jährige gewillt war, Hilfe anzunehmen. „Aber sie wäre nicht von selbst gekommen.“ Hätte um das Hilfsangebot überdies auch gar nicht gewusst.

Einsam, krank, verängstigt: Wie Streetworker Wohnungslosen helfen – und warum die Hilfe endet

Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Frühstückstisch: Für all das muss der Beifahrersitz dieses Autos herhalten. Das Fahrzeug diente 2017 in Unna einem Mann als Heim.

FOTO: ©Udo Hennes

1246 Menschen geholfen

Menschen wie Almut Z. gibt es im Kreis Unna mehr, als man glaubt. Caritas-Vorstand Ralf Plogmann berichtet von 1246 Fällen im dreijährigen Projektzeitraum, in denen eine Vermittlung ins Hilfesystem durch die fünf Lotsinnen und Lotsen erfolgreich war. Die Vermittlungsquote liege bei 75 Prozent und damit über dem Zielwert (70). Das heißt: Drei von vier Menschen, die die Streetworker kontaktiert haben, haben sich helfen lassen – in Anbetracht der speziellen Klientel ein beachtlicher Erfolg.

Die Fälle sind freilich sehr verschieden. „Sie können nicht jedem sofort eine Wohnung vermitteln“, sagt Sozialarbeiterin Tanja Scheuermann. Häufig sei es auch um die Inanspruchnahme medizinischer Hilfe gegangen oder um die Einrichtung einer Erreichbarkeitsadresse, damit wieder Geld vom Jobcenter fließen kann.

Versteckte Wohnungslosigkeit nimmt zu

Die Träger des maßgeblich von der EU geförderten Projekts sind sich mit den Streetworkern einig darin, dass gerade die versteckte Wohnungslosigkeit im Kreis Unna ein wachsendes Problem ist. Versteckt heißt zum Beispiel, dass Menschen im Auto, bei Angehörigen, bei Freunden oder fragwürdigen Männerbekanntschaften übernachten. Wachsend sei das Problem deshalb, weil bezahlbarer Wohnraum fehlt und Mietpreise steigen.

Dass das Projekt trotz des Erfolges zum Jahresende ersatzlos ausläuft, ist „für die Betroffenen eine Katastrophe“, sagt Tanja Scheuermann. Ähnlich beurteilt Anke Brink die Situation, dass es für Frauen kaum Notschlafplätze gibt. Sieben stehen beim Frauenforum in Unna zur Verfügung. 17 Frauen mussten wegen Überfüllung in diesem Jahr bereits abgewiesen werden.

Eine von drei Betroffenen ist weiblich

  • Zwei Drittel der Klienten im Lotsenprojekt waren Männer, ein Drittel Frauen. Das Frauenforum bemüht sich derzeit um neue Fördermittel beim Landessozialministerium, um ein Anschlussprojekt auf die Beine stellen zu können.
  • Die fünf Streetworker aus dem Lotsenprojekt haben noch nicht alle eine neue Anstellung in Aussicht, werden zum Teil am Jahresende erst einmal arbeitslos sein.

 

Projekt läuft ersatzlos aus

Das Lotsenprojekt wurde maßgeblich finanziert aus dem europäischen Hilfsfonds für die am stärksten von Armut betroffenen Menschen (EHAP). Kleinere Anteile steuerten Bund, Träger und der Kreis Unna bei. Es war auf die Jahre 2016 bis 2018 befristet, eine Verlängerung ist nicht möglich. Eine solche Befristung sei bei europäischen Fördermitteln normal, wie Caritas-Vorstand Ralf Plogmann erklärt.

Das Bedauern über das Ende des Projekts ist bei allen Beteiligten groß. Doch für eine Regelfinanzierung müssten die Kommunen sorgen, die ihre Pflicht im Bereich der Daseinsvorsorge mit Beratungs- und Übernachtungsstellen für Wohnungslose bereits erfüllen. Ein aufsuchendes Hilfsangebot wie im Lotsenprojekt wäre eine zusätzliche, freiwillige Aufgabe, für die Geld fehlt. So bleibt am Ende ein bitterer Nachgeschmack eines eigentlich sehr erfolgreichen Projekts – zumal der Bedarf eher größer als kleiner zu werden scheint.

 

Von Kevin Kohues


Hellweger Anzeiger


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