Frauenforum im Kreis Unna e.V. Frauenforum im Kreis Unna e.V.

Mai/Juni Stadt Magazin

Grundsätzlich ist es immer sinnvoll, Hilfe zu suchen

Grundsätzlich ist es immer sinnvoll, Hilfe zu suchen

(li.) Karin Gottwald, Leitende Fachberaterin der Frauen- und Mädchenberatungsstelle, (re.) Birgit Unger, Geschäftsführerin des Frauenforums im Kreis Unna e. V.

Foto: © Frauenforum

Das Frauenforum im Kreis Unna e. V. unterstützt bei häuslicher Gewalt und Konflikten

Rund jede vierte Frau hat Statistiken zufolge mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt erfahren. Häufig spielen sich Bedrohungen und Misshandlungen in den eigenen vier Wänden, innerhalb von Familie und Partnerschaft ab. Durch den Corona-bedingten Lockdown nahmen die häuslichen Konflikte in vielen Städten noch einmal zu. Doch wo hört ein hitziger Streit auf, wo fängt eine strafbare Handlung an? Wie äußert sich psychische Gewalt? Und wie kann ich mich dagegen wehren? Das Frauenforum im Kreis Unna e. V. bietet Betroffenen eine Vielzahl von Hilfen an, von der Frauen- und Mädchenberatungsstelle über das Frauenhaus und die ›FrauenRäume‹ für obdachlose und von Obdachlosigkeit bedrohte Frauen bis hin zu den mobilen Wohnhilfen. Wir sprachen mit Geschäftsführerin Birgit Unger und Karin Gottwald, Leitende Fachberaterin der Frauen- und Mädchenberatungsstelle.

Das Frauenforum bietet Hilfen in unterschiedlichsten Bereichen. Was würden Sie einer verzweifelten Frau empfehlen, die keine Gelegenheit hat, sich auf der Homepage über das breite Angebot zu informieren?

Birgit Unger: Einfach anrufen. Unsere Geschäftsstelle ist von Montag bis Donnerstag in der Zeit von 8 bis 13 Uhr und 14 bis 16 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 13 Uhr unter 0 23 03 / 7 78 91-0 erreichbar und kann zu den einzelnen Einrichtungen vermitteln.

Eine dieser Einrichtungen ist die Beratungsstelle für Frauen und Mädchen ab 14 Jahren mit Sitz an der Hansastraße in Unna. Braucht man einen Termin oder kann man einfach vorbeikommen? Was hat sich durch Corona geändert?

Karin Gottwald: Normalerweise beraten wir telefonisch, per E-Mail, im Online-Chat und, nach Terminabsprache, auch persönlich. Bedingt durch die Einschränkungen durch Corona können wir aktuell aber leider keine persönlichen Gespräche anbieten. Stattdessen haben wir unsere Telefonsprechzeiten über die Nummer 0 23 03 / 8 22 02 erweitert und nehmen nun montags bis donnerstags von 9 bis 12 Uhr und 14 bis 15 Uhr sowie freitags von 9 bis 12 Uhr Anrufe entgegen. Außerdem können Betroffene natürlich weiterhin die Online-Beratung per Mail oder im Chat über die Homepage www.frauenforum-unna.de nutzen.

Was sind häufige Themen solcher Beratungssituationen?

Karin Gottwald: Aktuell haben wir neben häuslicher Gewalt häufig mit Trennung, Scheidung und Beziehungskonflikten zu tun. Weitere Themen sind Besuchskontakte bzw. Umgangsstreitigkeiten sowie psychische Belastungssituationen, wie aktuell durch den Lockdown.

In den Medien war zu lesen, dass häusliche Gewalt seit der Corona-bedingten Kontaktsperre stark angestiegen sei. Können Sie das bestätigen?

Birgit Unger: Frauen haben kaum noch Möglichkeiten, Schutz in der Öffentlichkeit und im sozialen Umfeld zu suchen, wenn der gewaltausübende Partner unentwegt zu Hause ist. Demzufolge befürchten wir, dass sich entsprechende Fälle häufen könnten. Momentan halten sich die Anfragen bei uns sowohl in der Frauen- und Mädchenberatungsstelle als auch im Frauenhaus noch in Grenzen. Wir gehen aber davon aus, dass sich die Gesuche nach Aufhebung der Kontaktsperre häufen werden. Ein großer Teil unserer Arbeit ist daher Öffentlichkeitsarbeit, um über unsere vielfältigen Angebote zu informieren, damit Frauen und Mädchen davon erfahren und Möglichkeiten für sich finden, mit uns in Kontakt zu treten.

Konflikte können individuell sehr unterschiedlich ausfallen. Wann ist es sinnvoll, sich Hilfe von außen zu holen?

Karin Gottwald: Grundsätzlich ist es immer sinnvoll, Hilfe zu suchen, wenn Gewalt erlebt wird. Erst recht, wenn Kinder betroffen sind – entweder weil sie selbst z. B. geschlagen werden oder weil sie die Gewalt gegen die Mutter miterleben müssen. Gewalt wird in verschiedenen Formen ausgeübt – als physische, psychische, emotionale oder sexualisierte Gewalt.

Stichwort ›psychische Gewalt‹: Existieren nicht auch unterschwellige Formen, bei denen die Betroffene selbst zweifelt, ob das, was sie durchmacht, ›schlimm genug‹ ist, um den Tatbestand zu erfüllen? Wie kann sich solche Gewalt äußern?

Karin Gottwald: Psychische Gewalt erstreckt sich häufig über einen längeren Zeitraum. Teilweise passiert dies durch verschiedene Abhängigkeiten, in die Frauen während einer Partnerschaft geraten können. Oft wird das Selbstwertgefühl herabwürdigt, abgewertet – egal, was sie macht, es ist in seinen Augen nicht richtig. Gewalt – sowohl physisch als auch psychisch – ist immer die Ausübung von Macht und Kontrolle. Da gerade die psychische Gewalt nicht sichtbar ist, zweifeln einige Frauen an dem, was sie erleben. Das macht die Sache aber nicht weniger schlimm. Und auch in solchen Fällen können wir helfen!

Ihre Hilfsangebote sind unabhängig von sozialem Status und Religionszugehörigkeit. Werden sie aber auch tatsächlich von Frauen aus allen gesellschaftlichen Bereichen angenommen? Oder sind Beamtengattinnen und Ärztetöchter doch eher die Ausnahme?

Birgit Unger: Häusliche Gewalt kommt in allen gesellschaftlichen Bereichen und Schichten vor, wird unabhängig von Einkommen, sozialem Status und Religionszugehörigkeit erlebt. Das zeigt sich auch bei uns in der Beratungsstelle und im Frauenhaus.

Wie können Sie konkret unterstützen?

Karin Gottwald: Wir als Beratungsstelle klären unsere Klientinnen bezüglich ihrer Rechte umfassend auf – bei häuslicher Gewalt vor allem zum Gewaltschutzgesetz und den Möglichkeiten der polizeilichen Wegweisung sowie zu finanziellen Hilfen wie z. B. Kindesunterhalt, Unterhaltsvorschuss, Prozesskostenhilfe etc. Zudem unterstützen wir in der Planung der nächsten Schritte wie dem Erreichen eines Kontakt- und Näherungsverbots und dem Antrag auf die Wohnungszuweisung. Wir empfehlen anwaltliche Beratung, wir weisen auf die Unterstützung von Jugendamt, Jobcenter und anderen Kooperationspartnern im Hilfesystem hin, und wir informieren zum Angebot von Frauenhäusern und vermitteln ggf. dorthin. In unseren Beratungsgesprächen begleiten wir darüber hinaus durch die Verarbeitung der erlebten Gewalt, bieten psychische Entlastung, unterstützen bei Entscheidungsfindungen und bei der Be­wältigung immer wieder auftauchender Krisensituationen.

Wie ist Ihr Team fachlich aufgestellt? Haben Sie eigentlich auch männliche Berater?

Birgit Unger: Alle Fachkräfte des Frauenforums arbeiten hauptamtlich. Im Schwerpunkt handelt es sich um Sozialarbeiterinnen und -pädagoginnen, Diplompädagoginnen, Erzieherinnen und Sozialbetreuerinnen bzw. Hauswirtschafterinnen. Die meisten Mitarbeiterinnen mit beratenden Aufgaben haben sich bereits spezifisch zusatzqualifiziert bzw. werden eine solche Zusatzqualifizierung in naher Zukunft beginnen. Wir beschäftigen als frauenspezifisch arbeitender Träger keine männlichen Berater.

Welche Vor- bzw. Nachteile haben Online-Beratungen im Vergleich zum persönlichen Gespräch?

Karin Gottwald: Chats und E-Mails bieten den Nutzerinnen für ihr Thema, ihre Krise, ihre Sorge einen niedrigschwelligen weil völlig anonymen Zugang. Auch kann man diese Möglichkeit gut wahrnehmen, wenn man z. B. mobil oder zeitlich eingeschränkt ist. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Frauen und Mädchen die Online-Beratung als Einstieg in die persönliche Beratung nutzen.

Gibt es Klientinnen, die sich dauerhaft beraten lassen oder leisten Sie eher ›Feuerwehrhilfe‹?

Karin Gottwald: Die Dauer und Intensität eines Beratungsprozesses ist sehr unterschiedlich – von einem einmaligen Gespräch bis hin zu mehreren oder sogar vielen Terminen, je nachdem, was die Frau bzw. das Mädchen gerade braucht und wie dringend der aktuelle Unterstützungsbedarf ist. Bei fortlaufenden Gesprächen hat eine Klientin in der Regel dieselbe Beraterin.

Führt der Weg ins Frauenhaus immer über eine Beratung oder kann man direkt einen Platz bekommen?

Birgit Unger: Manchmal ist sich eine von häuslicher Gewalt betroffene Frau noch nicht sicher, ob sie überhaupt in ein Frauenhaus gehen möchte. Dann ist es hilfreich, zunächst unsere Beratungsstelle zu kontaktieren. Die Fachberaterin kann ggf. bei der Vermittlung unterstützen. Wenn eine Frau bereits entschieden hat, den Schutz eines Frauenhauses in Anspruch zu nehmen, kann sie sich direkt dort melden. Ein Überblick über Einrichtungen mit freien Plätzen findet sich auf der Internetseite www.frauen-info-netz.de . Unser eigenes Haus ist tagsüber telefonisch erreichbar unter 0 23 03 / 7 78 91 50. Sind alle unsere Plätze belegt, gibt ein Anrufbeantworter Auskunft über Alternativen.

Wer übernimmt die Kosten?

Birgit Unger: Die Angebote der Frauen- und Mädchenberatungsstelle sind kostenfrei. Die Kosten der Unterkunft im Frauenhaus werden, soweit die betroffene Frau sie selbst nicht tragen kann – und das ist in den meisten Fällen so – von der zuständigen Behörde übernommen. Dabei kümmern wir uns mit den Frauen um die nötigen Antragstellungen.

Was möchten Sie betroffenen Frauen, die dies lesen, noch mit auf den Weg geben?

Karin Gottwald: Auch wenn eine Frau oder ein Mädchen sich unsicher ist, ob sie mit ihrem Problem bei uns richtig ist, kann sie sich gerne melden. Wir besprechen dann gemeinsam, welche Möglichkeiten sie hat bzw. können bei Bedarf an eine andere Einrichtung weitervermitteln.

Wichtige Nummern auf einen Blick

Frauenforum-Geschäftsstelle: Tel. 0 23 03 / 7 78 91-0
Beratungsstelle für Frauen und Mädchen ab 14 Jahren · Tel. 0 23 03 / 8 22 02

 

Von: Stadtmagazin Lünen, Artikel von S. 6 in Ausgabe 112 (5/2020)


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